Wunschkaiserschnitt: Eine Frage der Selbstbestimmung?

Gebären ist Frauensachen. So war es schon immer, und so sollte es auch bleiben. Der rasante Anstieg von Wunschkaiserschnitten scheint aber einen gegensätzlichen Trend zu untermauern. Ein kurzer Blick auf Geschichte der Geburt hilft, ein klareres Bild zu zeichnen.

Kurzer Exkurs in die Geschichte der Geburt:
wunschkaiserschnittBis vor etwa zweihundert Jahren wäre keine Frau auf die Idee gekommen, woanders als in den eigenen vier Wänden ein Kind auf die Welt zu bringen. Begleitet von der eigenen Mutter, nahen weiblichen Verwandten oder/und einer Hebamme erblickten Babys zu Hause das Licht der Welt.

Gegen Ende des achtzehnten Jahrhundert erst drängten sich Männer in diese Domaine. Ärzte versuchten Geburtshilfe zu einer Wissenschaft zu erheben und halfen Gebärenden in Entbindungshospitälern – zunächst mehr schlecht als recht. Die Müttersterblichkeit dort war Anfangs deutlich höher als bei Hausgeburten.

So blieb noch bis in die Generation unserer Großmütter – das ist nur wenige Jahrzehnte her – die Heimgeburt eher Regel als Ausnahme.

Seither hat sich zwar viel verbessert und es spricht nichts gegen medizinischen Beistand bei der Geburt, auch nicht gegen einen Kaiserschnitt, wenn Gefahr für Mutter oder Kind zu befürchten ist. Dennoch: Vor allem zum Ende des 20. Jahrhundert – so scheint es – haben wir unser Selbstvertrauen verloren. Der Glaube, dass Geburtshilfe als Wissenschaft verstanden werden muss, hat sich soweit verfestigt, dass wir heute bei “Geburt” fast schon zwangsläufig an Bilder von Ärzten mit Mundschutz und OP-Lichter denken. Die Geburt ist, im allgemeinen Verständnis, inzwischen als ein so komplexer Vorgang akzeptiert, dass er von Medizinern begleitet werden sollte.

Kaiserschnitte im Aufwind
Auch wir Frauen fallen diesem Irrglauben anheim, davon zeugt jedenfalls der Anstieg von Wunschkaiserschnitten. Vor dreißig Jahren waren es weniger als 10 Prozent; inzwischen kommen mehr als ein Viertel aller in Deutschland geborenen Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt, viele per Wunschkaiserschnitt, also ohne medizinische Notwendigkeit, auf Wunsch der Frau.
Da die Kosten für reine Wunschkaiserschnitte in Deuschland nicht durch die Krankenkasse erstattet werden würden, gibt es keine eindeutige Statistik über die Häufigkeit von Wunschkaiserschnitten. Man kann davon ausgehen, dass zwischen 10 und 15 Prozent aller Kaierschnitte ohne dringende Notwendigkeit eingeleitet werden, also indem sie als medizinisch notwendige Eingriffe deklariert wurden, obwohl keine zwingenden Gründe dafür bestanden.

Für Wunschkaiserschnitte werden vermeintlich gute Gründe angeführt, genau zwei.
Zum einen, die Planbarkeit des Geburtstermins. Anstatt mitten in der Nacht mit Blaulicht unter starken Wehen eingeliefert zu werden, kann die moderne Frau des 21. Jahrhunderts in aller Ruhe zum Krankenhaus fahren und entspannt dem Ereignis entgegensehen.
Und, Punkt zwei, die eigentliche „Geburt“ ist schmerzfrei. Keine Wehen, kein Pressen.

Warum also sollte Frau nicht vom medizinischen Fortschritt profitieren, die Vorzüge eines Kaiserschnittes genießen und ihre Geburt in die Hände eines Mediziners legen? Ärzte helfen uns doch, sie lindern unsere Schmerzen, sie befreien uns von Übeln?

Ganz einfach: Eine Geburt ist keine Krankheit. Sie bedarf keiner Behandlung. Jede gesunde Frau kann ein Kind natürlich gebären. Die natürliche Geburt hat sich seit hunderttausenden Jahren bewährt und konnte unter primitivsten Bedingungen stattfinden.
Die Schmerzen, die damit einhergehen, soll Frau bewusst erleben. Sie haben, evolutionär betrachtet, eine wichtige Funktion. Sie zwingen dazu, die Geburt als ein tief-emotionales Erlebnis zu verarbeiten. Sie helfen, dass sich danach sofort eine innige Beziehung zwischen Mutter und Kind bildet.
Und angesichts der tiefgreifenden Veränderungen im Leben, wenn Baby erst einmal da ist, scheint es fast schon lächerlich, den Termin für die eigentliche Geburt planen zu wollen.

In die Debatte um Wunschkaiserschnitte führen Mediziner (die übrigens für einen Kaiserschnitt etwa doppelt so viel berechnen, wie für eine natürliche Geburt mit Krankenhausaufenthalt) gern das Selbstbestimmungsrecht der Frau als Argument ein. Frau sollte das Recht auf eine möglichst „bequeme Geburt“ haben.
Die Entscheidung für einen Wunschkaiserschnitt tatsächlich auf diesem Argument zu gründen, ist zutiefts egoistisch. Denn so höhlt das Recht auf individuelle Selbstbestimmung unsere kollektive Selbstbestimmung aus. Jede Frau, die ohne medizinische Notwendigkeit einen Kaiserschnitt vornehmen lässt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ihre Selbstbestimmung tatsächlich nicht wahrgenommen, sondern abgegeben zu haben.
Denn die Kontrolle über die Geburt gehört nicht die Hände von Medizinern, sondern in unsere.

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Eine Reaktion to “Wunschkaiserschnitt: Eine Frage der Selbstbestimmung?”

  1. Jasmin says:

    Schöner Artikel. Ich stimme auch fast zu 100 % zu.

    Nur in dem einem Punkt nicht:

    “Die Schmerzen, die damit einhergehen, soll Frau bewusst erleben. Sie haben, evolutionär betrachtet, eine wichtige Funktion. Sie zwingen dazu, die Geburt als ein tief-emotionales Erlebnis zu verarbeiten. Sie helfen, dass sich danach sofort eine innige Beziehung zwischen Mutter und Kind bildet.”

    Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass große Schmerzen erstens traumatisch für Mutter und Kind sein können und eben nicht zur Bindung beitragen und zweitens, durch Vorbereitung auf meine weiteren Geburten mit HypnoBirthing, dass der Geburtsschmerz keineswegs zu einer Geburt dazu gehört, sondern mit Angst und Anspannung zu tun hat. Wenn die Frau entspannt ist und los lassen kann, kann ihr Körper die Aufgabe – das Gebären – ganz sanft ausführen.

    Mehr Infos unter hypnobirthingbaby.com

    Herzliche Grüße
    Jasmin Salazar

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